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Es ist ganz einfach kein Arschloch zu sein. Wirklich.

Ich bin ein Mensch, der gerne beobachtet. Das klingt kaum creepy, ich weiß. Vielleicht sollte ich daher ein bisschen ausführlicher erläutern.

Mir fallen oft Dinge auf, die anderen weniger oder gar nicht auffallen. Meistens haben diese Dinge mit Menschen zu tun. Das sind Menschen, denen ich beim Einkaufen oder auf der Autobahn begegne, fremde Menschen und welche, die ich persönlich kenne. Und dass mir Dinge oder Verhaltensweisen auffallen, die andere vielleicht nicht so direkt bemerken, ist leider mehr Fluch als Segen.

Insbesondere, da mir an mir selbst dann mindestens ebenso oft Dinge auffallen.

Und wo andere wegsehen, das Problem gar nicht erkennen oder es einfach nicht verstehen – ganz ohne böse Absicht vielleicht – steigere ich mich rein und vermiese mir meine Stimmung. Das können kleine Dinge sein bis hin zu richtig ekelhaftem Zeug (wie z.B. in meinem Beitrag zum Thema “Künstler & Kunst trennen“).

Die Kleinigkeiten & die kleinen Arschlöcher

Zum Kleinkram: Es vergeht keine Woche, in der ich nicht mindestens zehn Autofahrern begegne, die sich egoistisch und scheiße verhalten. Das fängt bei rechts überholen an und hört bei Geschwindigkeitsbegrenzungen ignorieren leider noch lange nicht auf. Die wenigsten bedanken sich, wenn man sie vorbei lässt, wo es gerade mal eng wird. Aber daran gewöhnt man sich. Durchgezogene Linien werden ignoriert, Blinker scheinen bei 80% der Autos defekt zu sein. Eigentlich alles andere als eine Kleinigkeit, sich darüber aufzuregen ist aber meist tatsächlich sinnlos verschwendete Energie und Zeit.

Hat euch an der Supermarktkasse auch schon mal jemand in den Nacken geatmet? Wie oft werdet ihr vorgelassen, wenn ihr einen Kaugummi kauft und der Typ vor euch 28 Tonnen Zeug auf das Band legt? Wie selten setzen Menschen ihre Kopfhörer ab und schauen dem Kassierer oder der Kassiererin ins Gesicht und sprechen sie an? Auch hier gilt natürlich: Kleinigkeiten. Ich frage mich dann aber sehr oft: Wo ist der gesunde Menschenverstand geblieben und warum haben wir so wenig Respekt voreinander?

Wir fahren die Ellbogen aus, sind auf unsere eigenen Bedürfnisse fixiert, entschuldigen uns nicht wenn wir Leute anrempeln und telefonieren im Auto mit dem Handy am Ohr, weil: Fuck it! Nach mir die Sintflut.

Warum sollte man der Frau mit Kinderwagen helfen, wenn sie gerade aus dem Bus steigt?

Warum sollte man dem 80-jährigen Nachbarn den Wasserkasten in den 8. Stock ohne Aufzug tragen?

Wozu denn Menschen, die man kaum kennt ein schönes Wochenende wünschen?

Warum denn anderen die Fahrstuhltür aufhalten, wenn man selbst schon drin ist?

Was hat man schon davon?

Nichts.

Und genau darum geht’s.

Vielleicht muss man auch einfach mal Dinge tun, von denen man nichts hat. Hinzu kommt, dass man viel mehr als nichts davon hat. Wir sind alle in gewisser Weise egoistisch. Anders wäre es oft auch ungesund. Aber Kleinigkeiten können schon dazu beitragen, dass sich etwas tut und dann würde es allen besser gehen.

Auch wenn sich sehr oft Leute nicht bedanken, wenn ich sie an einer engen Straße mit dem Auto vorbei lasse (obwohl ich es nicht machen müsste) – ich mache es immer wieder. Selbst wenn sich von 300 Leuten nur einer bedankt. Dieses eine mal fühle ich mich dann gut und freue mich. Das mag lächerlich klingen, aber eben deshalb meine ich ja: Kleinigkeiten.

Kleinigkeiten erzeugen aber ganz gerne kleine Arschlöcher. Und aus kleinen Arschlöchern werden sehr gerne große.

Große Arschlöcher & Dinge größerer Bedeutung

Vor kurzem habe ich mir “I Am Jane Doe” angesehen. Eine Doku, die man sich beispielsweise auf Netflix anschauen kann. Sagt euch der Name Carl Ferrer etwas? Nein? Dann fasse ich mal für euch zusammen: er ist ein Arschloch. Okay, vielleicht sage ich doch noch ein bisschen mehr als nur das. Carl Ferrer war lange Zeit CEO von Backpage. Wer Backpage nicht kennt: stellt euch eBay Kleinanzeigen vor. Nur größer und wesentlich ekelhafter. Ja, noch ekelhafter als eBay Kleinanzeigen. Jahrelang konnte man bei Backpage (die Seite gibt’s übrigens noch immer) Kinder kaufen. Das klingt seltsam, es ist aber die Wahrheit. Sogenannte “Anzeigen für Erwachsene” wurden dort im großen Stil angeboten, wogegen zunächst nicht viel einzuwenden ist. Prostitution ist unter bestimmten Voraussetzungen nicht illegal und Escort-Services an sich auch nicht. Werden Dienste wie diese angeboten und es sind minderjährige betroffen, bekommt man – aus sehr guten Gründen – aber Probleme.

Könnte man denken.

Oder?

Nun ja… in den USA ist das etwas komplexer. Die Webseite selbst bot keine sexuellen Dienste von Minderjährigen an, alle Anzeigen auf Backpage wurden von Dritten eingestellt. Problematisch war aber, dass Backpage (und insbesondere Ferrer) genau wusste, was auf ihren Seiten passiert. Mehr noch: Backpage gab den Anzeigenerstellern sogar Tipps, wie man Gesetze und Suchfilter umgehen kann, um nicht vom FBI oder sonst wem entdeckt zu werden. Es hat viele Jahre gedauert, bis von Senatoren und Richtern entsprechende Gesetze (Communication Decency Act) so interpretiert wurden, dass Backpage in die Enge getrieben wurde. Ein Webseitenbetreiber kann oft nicht direkt angezeigt werden, wenn Dritte illegale Dinge auf dessen Webseite einstellen.

Das ändert sich aber (mittlerweile) zum Glück relativ schnell, wenn dem Betreiber nachgewiesen wird, dass er davon weiß oder es gar unterstützt.
Ferrer tat genau dies. Und erst als es sehr knapp wurde und Backpage wirklich große Probleme bevorstanden, nahmen sie von heute auf morgen die Anzeigen für Erwachsene komplett von der Seite.

Der Schaden, den Kinder und ihre Familien davon getragen haben, war da aber schon sehr lange entstanden. Kinder wurden ihrer Jungfräulichkeit, ihrer Freude und ihre Perspektive beraubt. Unzählige wurden täglich mehrmals vergewaltigt und gefoltert. Und in großen Gebäuden irgendwo in den USA saßen ganz oben Männer mit Anzügen und haben ihr Geld gezählt. Wenn das kein gutes Beispiel für Arschlöcher ist, dann gibt es wohl keines.

Niemand hat sich jemals bei den Kindern oder deren Familien entschuldigt. Keiner der Verantwortlichen hat ausgesagt. Alle hüllen sich in Schweigen und mehr noch: Familien und die mittlerweile erwachsenen Kinder werden teilweise angezeigt. Und da kommt mir ein bisschen die Kotze hoch.

Ich könnte jetzt sehr viele weitere Beispiele bringen, wie schrecklich alles ist und welch schlimme Dinge überall geschehen. Darum geht’s hier aber gar nicht. Mir geht es in erster Linie darum, dass wir die Augen vor solchen Dingen nicht verschließen sollten. Und dass Kleinvieh auch Mist macht. Und wenn’s nur ein respektvolles Miteinander ist. Kein Arschloch zu sein und Menschen zu helfen ist so einfach, dass wir alle kein Arschloch sein müssten. Denkt mal darüber nach. Ich tue es übrigens auch. Viel zu oft.

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Weitere Infos zum Beitrag:

Backpage Sex Trafficking

Carl Ferrer

Veröffentlicht in Blog

3 Kommentare

  1. Lirajel

    Bester Basti!
    Ich bin, was die Kleinigkeiten angeht, deiner Meinung und verstehe dich sehr gut. Ich fahre zwar kein Auto aber als Fußgänger fällt einem auch so manches Fehlfahrverhalten auf.
    Selbst an schlechten Tagen geb ich alles um niemanden den Tag zu versauen.
    Du bist ein gutes Vorbild!
    Was die großen Arschlöcher angeht, ich bin echt sprachlos gewesen. Ich wusste davon nichts und Danke dass du es zusammengefasst und auf Quellen hingewiesen hast.
    Holy Moly Shitty Mitty ist das krank und man sollte davor nicht die Augen verschließen.
    Umarmungen, ganz viele.
    Für dich und für alle.
    Danke.

  2. Ein Artikel, der nachdenklich macht und dem ich voll und ganz zustimme. Danke dafür!

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