Springe zum Inhalt →

Übrigens: Depressionen sind doof. Und keine Absicht.

Vorab: wie man aufgrund des Titels schon erahnen kann, geht’s in diesem Text um Depressionen. Und es wird ein sehr persönlicher Text, weil mir das gerade wichtig ist. Ihr wurdet gewarnt.

Wenn man mich vor ein paar Wochen gefragt hätte, wie es mir geht, hätte ich mit „so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr“ geantwortet. Wenn man mich heute fragt, könnte ich anfangen zu weinen. Oder einfach nichts sagen und einfach aus dem Raum gehen. Weinen vor anderen Menschen ist eher uncool. Schwäche zeigen ist doof. Abgesehen davon – und das kann ich gut verstehen – ist es für andere sehr unangenehm.

Wie verhält man sich denn auch in einer solchen Situation?

Nimmt man den oder die Weinende in den Arm?

Versucht man es mit Humor?

Verweist man auf‘s schöne Wetter?

Nichts tun ist meist genauso gut oder schlecht wie alles andere. Weil Fakt ist: helfen kann man ohnehin nicht wirklich. Das wissen unterbewusst auch sehr viele Leute, es fällt ihnen aber schwer, es umzusetzen. Traurige, weinende, kranke Menschen überfordern andere sehr oft – und das ist okay. Für mich zumindest. Ich weiß, dass es in den meisten Fällen lieb gemeint ist. Und dass Menschen schlichtweg oft damit nicht umzugehen wissen.

Das war bei mir früher nicht anders und ist es heute teilweise auch noch. Manchmal merkt man erst wie scheisse das alles ist, wenn man selbst betroffen ist. Oder eben Menschen im engeren Umfeld. Und selbst betroffen sein ändert nichts daran, dass man nicht helfen kann. Weder sich selbst, noch anderen.

Dass man es versucht, ist völlig normal. Und dass man gegen Wände rennt, ist vorprogrammiert.

Und jetzt stellt euch vor, ihr seid die Wand.

Und euer Kopf rennt ständig mit voller Wucht gegen euch selbst. Alles, was ihr tut, bewirkt gefühlt einfach überhaupt nichts. Stellt euch den ganzen Frust vor, den ihr in euch tragt und diesen dann konzentriert auf alles, was ihr tut. Ihr habt weder Selbstwertgefühl,  Motivation, noch Antrieb. Ihr gebt euch die Schuld an allem (schlechten natürlich), was passiert. Stellt euch vor ihr seid zu schwach ein leeres Glas zu halten und müsst über eine Mauer klettern. Irgendwann liegt ihr automatisch weinend und verzweifelt am Boden. Und jeder, der euch hoch helfen möchte, gibt euch stattdessen das Gefühl noch schwerer zu werden.

Das klingt vollkommen krank. Ist es auch.

Und das genau ist das Problem.

Halsschmerzen gehen auch nicht weg, weil euch jemand sagt „hör halt auf damit!“. Und auch wenn wir mittlerweile halbwegs soweit sind, dass der Großteil im Ansatz versteht, was Depressionen sind, höre ich doch noch zu oft „stell dich nicht so an.“.

Daran zerbrechen Freundschaften. Und auch das finde ich sogar teilweise verständlich. Wenn’s jemandem gut geht, will er oder sie auf Dauer nicht runtergezogen werden. Außerdem haben Menschen oft genug „eigene Probleme“ und können nur bis zu einem gewissen Punkt Verständnis und Zeit für extrem komplizierte Beziehungen aufbringen. Oft traut man sich dann auch nicht, offen darüber zu sprechen. Schwäche zeigen ist extrem unpopulär und sehr schwer. Abgesehen davon kann das nicht jeder. Auch dafür braucht man Kraft. Und wenn die Kraft schon nicht zum Halten eines leeren Wasserglases ausreicht, wird das mit der Mauer eben noch sehr viel schwerer. Ich für meinen Teil habe sehr viel Glück gehabt und bin auf sehr viele offene Ohren gestoßen, wenn ich davon erzählt habe, was bei mir los ist. Nicht jeder versteht davon alles, einige werden zum Beispiel diesen Text für zu persönlich und offen halten. Das ist okay.

Ich kann mich aber auf sehr viele Menschen verlassen, auch wenn sie sich sehr oft nicht auf mich verlassen konnten. Und – wie ich heute feststellen musste – teilweise immer noch nicht können. Das ist nämlich auch so ein Problem an der ganzen Sache: da denkt man gerade, dass alles wieder super ist. Bis dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ohne Auslöser, alles wieder kacke ist. Bei mir lässt das Kleinigkeiten zu unmöglichen Aufgaben mutieren. Jemandem bei WhatsApp antworten, Leute zurück rufen, den Müll raus bringen, aufstehen(!). Dass das auf Dauer keiner wie auch immer gearteten Beziehung gut tun kann, liegt wohl auf der Hand. Aber:  wenn ich keine Antworten erhalte, nehme ich es natürlich persönlich und denke, es liegt natürlich an mir. “Wer will schon mit einem Bekloppten seine Zeit verschwenden?” – wie ich bereits erwähnte: krank. Eben.

Und lasst euch gesagt sein: es nervt. “Uns” noch mehr. Es macht überhaupt keinen Spaß. Und es ist mit Sicherheit keine Absicht.

Veröffentlicht in Blog

4 Kommentare

  1. Lirajel

    Mutiger Basti!
    Ich kann das sehr gut nachvollziehen und deswegen umarme ich menschen einfach. Denn keine Worte und auch die Umarmung werden nichts bessern. Aber Umarmungen sind allerschlimmsten Fall neutral. Es sei denn ich merke dass die Person keinen Körperkontakt will.
    Deswegen:
    Umarmungen

  2. Patrick

    Ahmen, Bruder.
    Was einfach mega belastet ist, wenn man im einen Moment himmelhoch jauchzend am Start ist und dann irgendeinen Hirn-Furz bekommt, nachdem anschließend die ganze Welt wieder kacke ist.
    Kann man das heilen? Ich glaube nicht. Man muss sich wohl oder übel damit arrangieren.
    Bei mir haben nicht mal Tabletten eine Linderung geschaffen. Eigentlich haben die gar nix gebracht – außer dass ich keinen Alkohol trinken durfte. Toll.

    Was in dem Zusammenhang aber wirklich eine Herausforderung ist, das anderen Leuten beizubringen. Meine Freundin als Beispiel. Am Anfang hat sie es nicht verstanden, was denn da los ist und es kamen die Standardsprüche alá “Das wird schon wieder.” einfach aus dem Grund, dass man hilflos ist und man keine Ahnung hat, wie man einem Betroffenen helfen soll.

    Ich hab mich ein wenig verfranzt. Jedenfalls: Guter Text.

  3. Patrick

    Btw.: Bester Satz: “Halsschmerzen gehen auch nicht weg, weil euch jemand sagt „hör halt auf damit!“. “

  4. Steffi

    Basti, ich bleibe. Und, ich sag’s nochmal, du warst mir eine unersetzbare Unterstützung in den letzten Monaten. *Steffi*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.