“Bequem” online bestellt? Naja.

Vor kurzem ging meine Brille kaputt. Spannende Story, ich weiß. Es wird aber sogar noch besser. Aufgrund akuten Geldmangels verglich ich also etliche Angebote in der Umgebung und kam zu dem Ergebnis: “Basti, du lebst jetzt erstmal ohne Brille weiter. Die Welt ist so grausam, da ist es doch schön, nicht alles zu sehen.” Theatralisch – kann ich.

Ihr kennt doch sicher den Spruch “Bequem von zuhause aus bestellen!” oder? Hier meine aktuelle Erfahrung damit. Die nicht sonderlich bequem ist.

Kurzer Disclaimer: ich besitze ein Amazon-Konto, bin kein Prime-Kunde und habe dort seit zwei Jahren nichts mehr bestellt. Überhaupt gehe ich Online-Portalen aus dem Weg. Vom Umwelt-Aspekt und der Hin- und Herschickerei mal abgesehen, wollte ich meinen DHL-Mann jedes mal umarmen, wenn er schweißtropfend vor mir stand und um 11 Uhr schon keinen Bock mehr hatte. Das Subsubsub-Unternehmen, das ihm wahrscheinlich alle paar Wochen drei trockene Brötchen in einen Trog wirft, schert sich natürlich nicht um seinen Schweiß und seine Tränen. Wie gesagt… theatralisch – kann ich.

Für das “Projekt Brille” musste ich dann aber wohl leider mal wieder auf die Online-Methode zurückgreifen und da ja immer alle so begeistert vom bequemen Online-Bestellen sind, konnte da ja nicht viel schief gehen.

Das war vor knapp zwei Monaten. Und hier sitze ich nun. Ohne Brille. Weil nix davon bequem ist. Erst sucht man sich ein Gestell aus, welches man “online anprobieren” kann. Da wird einem dann auf ein dämliches Selfie schief eine Brille geklatscht. Daraus wird man nicht schlau, also bestellt man sich zwei oder drei Modelle zur Anprobe. Die kommen dann nach ein paar Tagen an. Perfekt. Anprobieren, 1.000 Leute bei Instagram nach der Meinung fragen, erledigt.

Der nächste Schritt ist, ein Lineal zu finden, um den Abstand der Pupillen zu messen. Hierzu schießt man ein Selfie mit dem Zollstock (weil ich kein Lineal besitze) und schickt es an die MisterSpexperten (das Wort habe ich erfunden und bin sehr stolz darauf!). Das sieht dann so aus:

Perfekt.

Bei mir waren das 38 – 38, also natürlich, wie könnte es anders sein, perfekt symmetrisch. Dass das nicht stimmte erwähne ich hier jetzt einfach noch nicht. Ach, doch…

MisterDrecks (ach, jetzt wird’s nur noch albern!) braucht dann natürlich noch die Daten für die Gläser. Dafür gibt’s einen Sehtest-Gutschein für einen Optiker in der Nähe. Als ich dort einen Termin machen wollte, war erstmal eine Woche lang keiner verfügbar. Ich behalf mir also mit den Werten der alten Brille. Immerhin irgendwas sehen, ist ja besser als nix. Diese gab ich dann also an das Online-Brillenhaus weiter, schickte die Brille zurück und damit wäre es eigentlich erstmal erledigt gewesen.

Der Ablauf wäre nun noch: Brille wird verglast, kommt zurück und wird dann – wieder bei einem Optiker in der Nähe – angepasst, damit sie richtig auf dem symmetrischen Basti-Gesicht sitzt. Faszinierend. Und total bequem von zuhause aus.

Als dann die Brille – schneller als angegeben – eintraf, sah ich mit Brille aber leider schlechter, als ohne. Noch mal kurz zur Erklärung: eigentlich sollte eine Brille dafür sorgen, dass man MIT ihr besser sieht. Ich rief also bei den Brillenmenschen an und die gaben mir wertvolle Tipps, wie “Vielleicht müssen Sie sich dran gewöhnen” – bei gleicher Stärke. Und dann fiel aber einer Mitarbeiterin auf, dass weder Hornhautverkrümmung, noch andere Werte auch nur ansatzweise mit meinen übereinstimmten. “Dann gehen sie noch mal zum Optiker in der Nähe, die sollen einen Sehtest machen.”

Eine Woche später stand ich dann beim Optiker auf der Matte (eigentlich war’s Laminat…) und siehe da: meine Augen sind schlechter geworden. “Gut, dass sie hier sind, das wäre in die Hose gegangen.” – Die Werte wurden korrigiert, ich packte die Brille ein, gab die neuen Werte an und jetzt sitze ich hier und warte auf die neue Lieferung.

Nichts davon war bequem, nicht einmal die Brille, weil die ja noch nicht angepasst wurde. Der Stuhl bei der Optikerin war das sehr wohl. Die Besitzerin war sehr freundlich, wir unterhielten uns darüber wie doof online Brillen bestellen ist und dann erfuhr ich, dass ich ungefähr 30 Euro mehr gezahlt hätte, wenn ich direkt bei ihr gekauft hätte. Die selbe Brille. Im Nachhinein war es das also wert, weil ich jetzt einen guten Optiker kenne.

Was bis dahin alles passierte, wie viele Menschen wegen meiner verkackten Brille rumfahren, rumrennen und rumtelefonieren mussten und wie lange das alles dauerte kann ich gar nicht mehr genau sagen. Auf jeden Fall wurden drei mal Pakete hin und her geschickt, der DHL-Mann denkt ich wäre süchtig nach Brillen und so richtig geil war das alles dann echt nicht.

Online bestellen? Kann man machen. Muss man aber nicht. Und ich bin mir sicher, dass die Brille jetzt vielleicht auch nicht das beste Beispiel dafür ist. Beratungsintensive Dinge sind wohl eher selten wirklich Online-Verkaufsschlager. Aber die Hin- und Herschickerei ist bei Kleidung ja nicht wirklich besser als bei Brillen.

Basti Verfasst von: